Die 4 Säulen der gestalteten Umgebung
«Hurra, ein Problem!»
Nicht nur der zwischenmenschliche Umgang prägt junge
Menschen, sondern auch die gestalterische Qualität
der Umwelt. Diesen Zusammenhang hat der amerikanische
Psychologe Philip G. Zimbardo schon vor vielen
Jahren nachgewiesen.
So hat das gestaltete Umfeld auch einen entscheidenden Einfluss auf die Qualität des Lernens. Es kann die Konzentration auf eine Sache fördern. Es kann inspirieren. Es kann Rückzugsmöglichkeiten zur individuellen Auseinandersetzung mit einem bestimmten Thema anbieten – oder zur körperlichen Aktivität im Zusammenspiel mit anderen Lernpartnern. Es ist nicht zuletzt die gestaltete Vielfalt, die das autonome Lernen überhaupt erst möglich macht. Und: Eine inspirierende Lernwelt will bewusst gestaltet sein!
1. Die architektonische Gestaltung der Lernumgebung:
Raum zur Entfaltung und Entwicklung
Die Architektur ist vielleicht der auffälligste Ausdruck
einer gestalteten Umgebung. So orientiert sich das architektonische
Konzept der Freien Schule Anne-Sophie
konsequent an den Erfordernissen des autonomen
Lernens. Als ein klar gegliedertes «Lerndorf», bestehend
aus einzelnen Lernhäusern für die Primarstufe, die
Sekundarstufe und das gymnasiale College, bietet die
Schule bis zu 750 Lernpartnerinnen und Lernpartnern
Raum zur Entfaltung und Entwicklung. Die gemeinsame Mensa sowie eine Turnhalle mit angegliederter
Schwimmhalle vervollständigen dieses offen angelegte
Gebäudeensemble. Auf Seite 16 stellen wir Ihnen das
architektonische Konzept vor.
2. Die materielle Gestaltung:
«Der Mensch lernt nicht vom Buch allein …»
Neben einer angemessenen Architektur hat die Bereitstellung
anregender Materialien erheblichen Einfluss
auf das Lernverhalten: Erst vielfältige Materialien
schaffen mannigfaltige Lernimpulse. Dieser Medieneinsatz
geht weit über klassische Lernmittel wie Bücher
und andere gedruckte Medien hinaus. Er umfasst auch
Werkzeuge, Baumaterialien,
Textilien, Pflanzen, Lebensmittel
und vieles mehr.
Die Bereitstellung geeigneter Materialien orientiert sich an den thematischen Interessen der einzelnen Lernpartner. Sie ist eine immer wiederkehrende Herausforderung für die Lernbegleiter, die damit gewissermaßen auch Lernumfeld-Gestalter sind.
3. Gestaltete Zeit:
Abschied von einem Lernen nach Stundenplan
Autonomes Lernen bedeutet nicht, dass damit jegliche
zeitliche Ordnung hinfällig ist. Im Gegenteil: Die Struktur
des Schuljahres, des Inputplanes und des einzelnen
Lerntages bilden den äußeren Rahmen, der eine umfassende
Ausgestaltung eigenständiger Lernwege überhaupt erst ermöglicht.
Das Lernjahr ist in Trimester gegliedert, die jeweils zum Ende der landeseinheitlich festgelegten Sommer-, Weihnachts- und Osterferien beginnen. Der überschaubare Zeitrahmen eines Trimesters erleichtert die individuelle Festlegung und selbständige Kontrolle längerfristiger Lernziele.
Auch der Wochen- und Tagesablauf folgt einer klaren und altersgerechten Gliederung. Im Unterschied zu einem Stundenplan, wie er anderen Schulen üblich ist, verzichten diese Wochen- und Tagesstruktur jedoch auf eine Unterteilung nach Schulstunden, sondern gibt lediglich die Fachinputs vor. Ausführliche Informationen zur Lernstruktur haben wir auf Seite 14 zusammengefasst.
4. Menschliche Gestaltung:
die Schule als Ort des Unperfekten
Schließlich sind es die Art und Weise des zwischenmenschlichen
Umgangs, die die Grund-lage für ein
erfolgsorientiertes autonomes Lernen bildet. Lernbegleiter
und Lernpartner gestalten diesen Umgang
gleichermaßen.
Die Lernbegleiter sind als pädagogische «Umgebungsgestalter» darauf bedacht, dass sich Respekt und Achtung, Leistung und Herausforderung, Wille und Wahrnehmung, Beziehung und Sorgfalt entfalten können. Keiner sagt, «wo es lang geht», aber jeder drückt seine Wünsche aus und akzeptiert die abweichenden Vorstellungen eines anderen Lernpartners oder Lernbegleiters. Gerade auch unterschiedliche Meinungen und Probleme sind Lernanlässe. So ist einer der treffendsten Sätze eines Lernpartners: «Hurra, ein Problem!»
In diesem Sinne ist die Freie Schule Anne-Sophie im besten und lebensnahen Sinn ein Ort des Unperfekten – eine lebendige lernende Organisation, geprägt von unvollkommenen Menschen, die auf gemeinsamen Lern- und Lebenswegen entdecken, ohne zu zerstören, erfahren, ohne zu überfahren, verwerfen, ohne zu verzweifeln. Zur eigenen Unvollkommenheit zu stehen heißt, stets neu zu lernen – ob als Lernbegleiter oder als Lernpartner.
Da Lernen am besten in einer entspannten Umgebung funktioniert, achten alle auf ihre eigene Gelassenheit. Die Vorbildfunktion der Lernbegleiter beruht nicht zuletzt auf ihrer Fähigkeit, so gelassen zu sein, dass sie alle Sinne auf das richten können, was geschieht, und ihren Mitmenschen dabei stets mit Respekt begegnen.